Sprachbarriere bei
Gehörlosigkeit und Schlaganfall

© Sabi­ne Sopha

Die Sprachbarriere bei Gehörlosigkeit oder Schlaganfall:

War­um es beim Not­ruf kei­ne Hil­fe gibt.
Lesen Sie das Inter­view mit dem Lei­ter der Ent­wick­lung des GL-Not­ruf­ge­räts deaf-sos 2.0.

Herr Herz, die Haupt­aus­sa­ge zum neu­en bar­rie­re­frei­en GL-Not­ruf lau­tet: “deaf-sos 2.0 über­win­det zuver­läs­sig die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bar­rie­re Gehör­lo­ser beim mobi­len 112-Not­ruf”.
Wodurch wird die­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bar­rie­re so pro­ble­ma­tisch?
Unse­re Ana­ly­se ergab: Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bar­rie­re für Gehör­lo­se ist eine selbst­pro­du­zier­te “Macke” des 112-Not­rufs in Deutsch­land. Fol­gen­de Arbeits­an­wei­sung für Leit­stel­len­mit­ar­bei­ter kann zur töd­li­chen Fal­le für Gehör­lo­se wer­den:
„Bewer­ten Sie jeden Not­ruf als Fehl­alarm, wenn ein Not­ru­fer nicht bin­nen acht Sekun­den mit Ihnen spricht.”
Die Ret­tungs­leit­stel­le been­det das Tele­fo­nat und geht zur Tages­ord­nung über. Es wird kei­ne Hil­fe orga­ni­siert.

Wel­che Ver­bes­se­rung bringt deaf-sos 2.0 in die­ser Situa­ti­on für den Gehör­lo­sen und den Leit­stel­len­mit­ar­bei­ter, der den Not­ruf bear­bei­tet?
Der Leit­stel­len­mit­ar­bei­ter wird von der „Sprach­kon­ser­ve” (Laut­sprach­not­ruf) davon in Kennt­nis gesetzt, dass es einen Not­fall gibt. Dadurch muss der Not­ruf min­de­stens so ernst genom­men wer­den deaf-sos 2.0wie ein „Röchel­an­ruf”. Der Not­ruf kann nun nicht mehr als Fehl­alarm ein­ge­stuft wer­den. Damit ist das Ziel des GL-Not­ruf­ge­räts bereits kom­plett erfüllt: Der Not­ruf des Gehör­lo­sen wird ernst genom­men und nicht mehr igno­riert. Es wird Hil­fe orga­ni­siert.

Gibt es wei­te­re Vor­tei­le durch das GL-Not­ruf­ge­rät?
deaf-sos 2.0 hilft aktiv bei der Sen­kung der Ret­tungs­ko­sten, ins­be­son­de­re dann, wenn eine GSM-Ortung nicht ein­deu­tig genug aus­fällt, um den Not­ru­fer schnell auf­zu­fin­den. Gegen­über der Situa­ti­on bei einem Röchel­an­ruf bewirkt deaf-sos 2.0 wei­te­re Vor­tei­le: Dem Leit­stel­len­mit­ar­bei­ter wird zusätz­lich ein Vor­schlag gemacht, wie er vom gehör­lo­sen Not­ru­fer schnell und kosten­gün­stig wei­te­re wich­ti­ge Not­fall­da­ten erhal­ten kann (z. B. den genau­en Auf­ent­halts­ort, Art des Not­falls, Anzahl Ver­letz­ter). Der Not­ru­fer bit­tet näm­lich um die Fort­set­zung der Kom­mu­ni­ka­ti­on per SMS, also auf einer für ihn funk­tio­nie­ren­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­ne: Schrei­ben und Lesen statt Spre­chen und Hören.

Wird die­ses Ange­bot (Fort­set­zung des Not­rufs per SMS) immer sofort genutzt?
Dies ist sehr unter­schied­lich. Zum einen wird uns berich­tet, dass es kei­ne „Dienst­han­dys” auf den Leit­stel­len gäbe. Dies könn­te z. B. dar­an lie­gen, dass die gül­ti­ge Ver­ord­nung über die tech­ni­sche Aus­stat­tung von Leit­stel­len aus einer Zeit stammt, in der es noch kei­ne Han­dys gab …
Zum Ande­ren haben wir in vie­len Gesprä­chen mit Leit­stel­len­mit­ar­bei­tern erfah­ren, dass eine wei­te­re Arbeits­an­wei­sung in Deut­schen Leit­stel­len besagt: „Pri­va­te Han­dys müs­sen grund­sätz­lich aus­ge­schal­tet sein”. Dies ist dann in der Dis­kus­si­on mit Leit­stel­len­mit­ar­bei­tern über deaf-sos 2.0 eine gern ange­führ­te “Aus­re­de”, war­um man nicht per SMS kom­mu­ni­zie­ren kön­ne oder wol­le.

Wie schät­zen Sie die­se “Aus­re­de” ein?
Wir hal­ten die­se Vor­ge­hens­wei­se ten­den­zi­ell immer dann für gefähr­lich, wenn z. B. die GSM-Ortung nicht zum schnel­len Auf­fin­den des gehör­lo­sen Not­ru­fers aus­reicht, weil hier eine Chan­ce zur effek­ti­ven Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­passt wird. Dies könn­te von Fall zu Fall auch straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen nach sich zie­hen.

Kann zum jet­zi­gen Zeit­punkt – trotz der “SMS-Pro­ble­ma­tik” – davon gespro­chen wer­den, dass die Auf­ga­be des Gehör­lo­sen-Not­ruf­ge­räts voll erfüllt ist?
Ja, das steht ausser­halb jeder Kri­tik: Das Gerät über­win­det die Sprach­bar­rie­re und führt zur vol­len Nutz­bar­keit des 112-Not­rufs für Gehör­lo­se – im glei­chen Rah­men, wie dies für hören­de Bür­ger zutrifft: Die Über­mitt­lung des Not­rufs ist sicher­ge­stellt und der Not­ruf wird ernst genom­men. Wie die Leit­stel­len anschlie­ßend die Hil­fe im Ein­zel­nen orga­ni­sie­ren, ist nicht mehr The­ma des Not­ruf­ge­räts. Hier geht es mehr um die Fra­ge, wie intel­li­gent die vor­han­de­nen Hilfs­mit­tel zur schnel­len und kosten­gün­sti­gen Auf­fin­dung des Not­ru­fers von den zustän­di­gen Mit­ar­bei­tern kom­bi­niert und genutzt wer­den und wie gut die Ret­ter mit Gehör­lo­sen umzu­ge­hen gelernt haben.

Ist es grund­sätz­lich auf­wen­di­ger einen Gehör­lo­sen zu fin­den?
Es ist nicht auf­wen­di­ger als einen hören­den “Röchel­an­ru­fer” zu fin­den. Eher umge­kehrt, wenn zusätz­lich alle mög­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge genutzt wer­den.

Es gibt Stim­men, die sagen, dass Not­ru­fe per SMS nicht sicher sei­en.
Dies stimmt nur dann, wenn man die Ein­lei­tung des Not­rufs per SMS ver­su­chen wür­de (was ja heu­te noch gar nicht rea­li­siert ist): Es kommt tat­säch­lich vor, dass SMS ver­spä­tet oder nie beim Adres­sa­ten ankom­men. Außer­dem ist eine GSM-Ortung für SMS-Ver­sen­der unse­res Wis­sens bis­her kein Stan­dard. Des­halb ist die Metho­de bei deaf-sos 2.0 auch nicht pri­mär SMS-basiert, son­dern nutzt den ganz nor­ma­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weg des Laut­sprach­an­rufs zum Auf­bau des Not­rufs. Es wer­den also genau die Not­ruf­mel­de­we­ge ein­ge­hal­ten, die vor­ge­se­hen sind. Dies bedeu­tet: Not­ru­fe mit deaf-sos 2.0 sind bereits heu­te sehr sicher!

Gibt es auch einen GL-Not­ruf, der ganz auf SMS-Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­zich­ten kann?
Ab Novem­ber 2013 wird deaf-sos 2.1 GPS lie­fer­bar sein. Hier benö­tigt die Ret­tungs­leit­stel­le i.d.R. kei­ne SMS-Kom­mu­ni­ka­ti­on, weil GPS-Daten auf geni­al ein­fa­che Wei­se zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Kei­ne Nach­rü­stung der Leit­stel­len not­wen­dig, es reicht ein nor­ma­ler Inter­net­zu­gang. Im Gegen­satz zu deaf-sos 2.0 ist die­se Metho­de aber auf Smart­pho­nes (iPho­ne und Andro­id­han­dys) beschränkt, also nicht so uni­ver­sell ein­setz­bar.

Sind Gehör­lo­se eigent­lich die ein­zi­gen Betrof­fe­nen?
Nein, es gibt wei­te­re Bür­ger, die im Ernst­fall damit rech­nen soll­ten, kei­ne Hil­fe zu bekom­men, wenn sie per Han­dy die 112 anwäh­len. Ins­be­son­de­re zäh­len dazu alle Men­schen mit Sprach­stö­run­gen, die ja auch plötz­lich auf­tre­ten kön­nen, wie beim Schlag­an­fall, Ohn­macht oder Epi­lep­sie-Anfall. Auch Stot­te­rer haben dar­un­ter zu lei­den. In einem kon­kre­ten Fall hat selbst unse­re nach­träg­li­che Inter­ven­ti­on bei der am Wohn­ort zustän­di­gen Leit­stel­le unse­res Kun­den zu kei­nem Ein­len­ken geführt: Der Not­ru­fer konn­te in der Not­si­tua­ti­on unter Stress die erste Sil­be nicht inner­halb von acht Sekun­den spre­chen. Ergeb­nis: Die Gegen­sei­te hat­te ein­fach auf­ge­legt – immer wie­der …

Rai­ner Herz, Lei­ter TEAM Euro­notruf

Die­se Arbeits­an­wei­sung ver­hin­dert das Erken­nen “ech­ter” Not­ru­fe mehr als nötig:

1. GL-schäd­li­che Arbeits­an­wei­sung in Deut­schen Leit­stel­len: „Bewer­ten Sie jeden Not­ruf als Fehl­alarm, wenn ein Not­ru­fer nicht bin­nen acht Sekun­den mit Ihnen spricht!”

Die­se Arbeits­an­wei­sung pro­du­ziert von Fall zu Fall bei der Suche nach Not­ru­fern höhe­re Kosten als nötig:

2. GL-schäd­li­che Arbeits­an­wei­sung in Deut­schen Leit­stel­len: „Pri­va­te Han­dys müs­sen grund­sätz­lich aus­ge­schal­tet blei­ben, auch wenn kei­ne Dienst­han­dys vor­han­den sind!”

Der Engel­schutz e.V. emp­fiehlt:

So schaf­fen Sie sofort Abhil­fe:

1. Vor­schlag
Ver­än­dern Sie die Arbeits­an­wei­sung: Erlau­ben Sie aus­nahms­wei­se die Nut­zung von Han­dys in der Leit­stel­le, wenn dadurch zu erwar­ten ist, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit einem Not­ru­fer mit Sprach­stö­rung etc. ver­bes­sert wer­den kann, z. B. durch SMS-Kom­mu­ni­ka­ti­on.

2. Vor­schlag
Wenn Ihr Leit­stel­len­per­so­nal, z. B. aus Alters­grün­den, nicht in der Lage ist, SMS zu sen­den und zu emp­fan­gen, bit­ten Sie die zustän­di­ge Lan­des­be­hör­de um die Nen­nung einer kom­pe­ten­ten, auf die Belan­ge von Gehör­lo­sen geschul­te Leit­stel­le, die fort­an lan­des­weit die SMS-Kom­mu­ni­ka­ti­on bei die­sen Not­fäl­len abwickelt. Über­mit­teln Sie dann dort­hin die Han­dy-Ruf­num­mer des Not­ru­fers.

All­ge­mein:
Bei der Simu­la­ti­on von Gehör­lo­sen-Not­ru­fen sind wir Ihnen gern behilf­lich!
Haben Sie Fra­gen? Rufen Sie uns ein­fach an:
030 4170 3877 Mo-Fr 10–17 Sa 10–13


 

Neue, dramatische Versorgungslücke durch 112-Faxgeräte.

Immer häu­fi­ger wer­den Fax­ge­rä­te direkt an die Ruf­num­mer 112 gekop­pelt. Was zunächst wie ein Fort­schritt erscheint, erweist sich beim genaue­ren Hin­se­hen als Dis­a­ster beim Not­ruf per Mobil-Fax:

Über­all dort, wo den Gehör­lo­sen nur noch die 112 als Fax­num­mer kom­mu­ni­ziert wird, gibt es jetzt gar kei­ne Mög­lich­keit mehr mobi­le Faxe zu schicken, weil die­se Fax-Gerä­te der Leit­stel­len aus tech­ni­schen Grün­den nur per Fest­netz erreich­bar sind! Weder Nokia’s Com­mu­ni­ca­tor, noch iPho­nes oder Andro­id­han­dys mit Fax-Apps haben hier eine Chan­ce! Auch SMS-Faxe direkt an 112 sind tech­nisch momen­tan nicht rea­li­sier­bar.

Fazit:
Ins­be­son­de­re die direk­te Kop­pe­lung der Fax­ge­rä­te an die Ruf­num­mer 112, hat in jüng­ster Zeit letzt­lich zu einer deut­li­chen Ver­schlech­te­rung der Not­ruf­si­tua­ti­on für mobi­le Gehör­lo­se geführt.

Alter­na­ti­ve Lösung für mobi­le Gehör­lo­se (Not­ruf unter­wegs):

Es blie­be die Mög­lich­keit zum Rück­bau auf eine „nor­ma­le” Fax­num­mer mit ech­ter Vor­wahl, die wie­der den Ein­satz von Mobil­fax­ge­rä­ten erlau­ben wür­de.

Oder emp­feh­len Sie die Nut­zung einer alter­na­ti­ven Tech­nik mit ande­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­gen:
Das Gehör­lo­sen-Not­ruf­sy­stem deaf-sos 3.0 ist das per­fek­te und ein­fach­ste GL-Not­ruf­sy­stem für unter­wegs:

JA! Nur 1 Knopf­druck, um einen Not­ruf an eine GPS-fähi­ge Haus­not­ruf­zen­tra­le zu lei­ten.
JA! Es muss nicht gespro­chen wer­den, kein Gebär­den, kein Fax, kei­ne SMS, kein Han­dy not­wen­dig.
JA! Von dort wird die zustän­di­ge 112-Ret­tungs­leit­stel­le über den Not­fall infor­miert und fol­gen­de Daten über­mit­telt:
      – Name und Anschrift des Not­ru­fers,
      – genaue Posi­ti­on des Not­ru­fers (GPS-basiert),
      – even­tu­ell wei­te­re Daten zu Kran­ken­ge­schich­te und aktu­el­le Medi­ka­men­ten­li­ste.

 

War­um Mobil­fa­xe nicht durch­ge­stellt wer­den:
Die Mobil­funk-Sen­de­tür­me sind so pro­gram­miert, dass nur Sprach­da­ten an 112 durch­ge­las­sen wer­den. Rei­ner Daten­ver­kehr, wie SMS und Mobil­fa­xe, wer­den blockiert.

Euronotruf-EXTREM

Das Mobil­not­ruf­ge­rät deaf-sos 3.0 ist für hören­de Bür­ger auch als Euro­notruf GPS 2.0 bei Engel­schutz erhält­lich.

Ein Gedanke zu „Sprachbarriere bei Gehörlosigkeit und Schlaganfall

  1. Fra­ge zum Mobil­fax-Pro­blem:
    Hat schon mal jemand, der zuhau­se sein Fax­ge­rät an eine Voda­fone-Box RL500 ange­schlos­sen hat, ver­sucht ein Fax direkt an die Ruf­num­mer 112 zu schicken?

    Funk­tio­niert das viel­leicht auch nicht mehr?

    Dan­ke für eine Rück­mel­dung

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